Emanuel Geibel - In der Ferne

Submitted by do on Do, 11/12/2009 - 16:19

Sag an, du wildes oft getäuschtes Herz,
Was sollen diese lauten Schläge nun?
Willst du nach so viel namenlosem Schmerz
Nicht endlich ruhn?

Die Jugend ist dahin, der Duft zerstob,
Die Rosenblüte fiel vom Lebensbaum;
Ach, was dich einst zu allen Himmeln hob,
Es war ein Traum.

Die Blüte fiel, mir blieb der scharfe Dorn,
Noch immer aus der Wunde quillt das Blut;
Es sind das Weh, die Sehnsucht und der Zorn
Mein einzig Gut.

Und dennoch, brächte man mir Lethe’s Flut
Und spräche: Trink, du sollst genesen sein,
Sollst fühlen, wie sanft Vergessen thut, – Ich sagte: Nein!

War Alles nur wesenloser Trug,
Er war so schön, er war so selig doch;
Ich fühl’ es tief bei jedem Athemzug:
Ich liebe noch.

Drum laßt mich gehn, und blute still mein Herz;
Ich suche mir den Ort bei Nacht und Tag,
Wo mit dem letzten Lied ich Lieb’ und Schmerz
Verhauchen mag. (Band 1 S. 89-90)

Cover (front)